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Claus Rottenbacher . Westort – Ostort
Buchpräsentation / Diskussion
Datum 27. Oktober 2015 . 20 Uhr
Ort C/O Berlin . Amerika Haus
Hardenbergstraße 22-24 . 10623 Berlin



Claus Rottenbacher stellt am Dienstag, den 27. Oktober 2015, um 20 Uhr seine neueste Publikation Westort / Ostort bei C/O Berlin im Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin-Charlottenburg, vor. Gemeinsam mit Niklaus Bernau, Architekturkritiker, Axel Haubrok, Sammler, und Hans Georg Hiller von Gaertringen, Kunsthistoriker, diskutiert der Fotograf anhand seiner Raumporträts vom Internationalen Congress Centrum (ICC) und von der Fahrbereitschaft der DDR den jeweiligen Bildgegenstand, die Bildsprache und deren Verortung in der Architekturfotografie im Spannungsfeld zwischen künstlerischer und dokumentarischer Wiedergabe.
 
Komplett nach Außen hin abgeschottet, das Innere hermetisch verborgen, abseits des Zentrums im Niemandsland gelegen – mit einer ungewöhnlichen Verknüpfung von zwei fotografischen Serien zum ICC in Charlottenburg und zur ehemaligen Fahrbereitschaft in Lichtenberg geht Claus Rottenbacher auf visuelle Spurensuche von Historie und Architektur in Berlin. Er spürt anhand dieser beiden Orte deren demonstrativ-ästhetische Orientierung am Zeitgeist nach, die im Dienst vollkommen unterschiedlicher Gesellschafts- und Kultursysteme stand. Jenseits formaler Unterschiede entdeckt er Gemeinsamkeiten im Wechselspiel von Zeigen und Verbergen.

Das ICC ist eine der wichtigsten Architekturikonen der 1970er Jahre. Sämtlichen Raumelementen und Modulen wohnt eine große Geschlossenheit und futuristische Pop-Ästhetik inne. Ob Handläufe, Toilettentische, Parkhauszufahrten, Durchgänge, Garderobenbereiche oder ganze Säle – jedes Detail ist durchdesignt. Überall ist Formenvielfalt, Überdimensionierung und technologischer Ergeiz sichtbar. Die auf Überflusses beruhende Gesamtkonstruktion beruht auf einer ästetischen und funktionalen Utopie, deren Zeit nach nur 35 Jahren abgelaufen und aus heutiger Sicht obsolet mutet.

Die elitäre Fahrbereitschaft des DDR-Ministerrats befindet sich in einem Industriebau – reine Gebrauchsarchitektur, renoviert in den 1950er Jahren. Die unscheinbaren Garagen und Veranstaltungsräume mit Bar, Sesselgruppen, Kegelbahn, Sauna und Massageeinrichtung vermitteln die Vorstellung einer Infrastruktur für Geselligkeiten und leibliches Wohlbefinden. Es sind überwiegend schäbige Null-Räume und seltsame Ecken in einer weiten Palette gedämpfter Zwischentöne, die Überraschungen bergen und durch formale Profanität Kälte erzeugen.

Beide Orte beziehen ihre Spannung und Eigenart aus dem Umstand, dass sie einen bestimmten Moment ihrer Gestaltung für Jahrzehnte über alle Veränderungen in Zeiten und Stilen hinaus haben bewahren können. Beide Orte dokumentieren auf einzigartige Weise Zeitgeschichte und sind für sich genommen Raum gewordene Bilder mit großem erzählerischen Potential.

Claus Rottenbacher begegnet dem ICC und der Fahrbereitschaft mit großem ästhetischem Respekt und lenkt mit seinen Fotografien den Blick auf bemerkenswerte Details. Er wählt in der Darstellung seiner Räume ruhige und überschaubare Kompositionen. Oft sind die Bilder als bühnenhafte Einblicke angelegt – Guckkästen auf Papier. Der zurückhaltende Bildaufbau lässt dem Blick freien Lauf in seiner Erkundung all dessen, was auf diesen Bühnen seinen Auftritt hat. Seine klare Bildsprache und Ästhetik fragen nach den Traditionslinien der Fotografie seit ihrer Erfindung, deren Errungenschaften über Perspektivwechsel, Ausschnitthaftigkeit und formalen Bezügen der Bauhauszeit bis hin zu den bildmächtigen Panoramen der Gegenwart.



Teilnehmer Claus Rottenbacher, Nikolaus Bernau,
Axel Haubrok, Hans Georg Hiller von Gaertringen
Eintritt frei

Publikation Hardcover, 96 Seiten, 50 Farbabbildungen
Vorwort von Felix Hoffmann, Essay von Nikolaus Bernau
Gestaltung von Frank Wonneberg
Erschienen im Kehrer Verlag
Preis 34,90 Euro

www.co-berlin.org
Veranstalter C/O Berlin Foundation


C/O Berlin präsentiert vom 22. August bis 1. November 2015 die Ausstellung Augen auf! 100 Jahre Leica Fotografie.

Anschrift: Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin
„Die Leica ist die Verlängerung meines Auges.“ 
Henri Cartier-Bresson
Dynamisierung, Demokratisierung, Revolution – technischen Innovationen werden oft große Veränderungen zugeschrieben. So auch der Erfindung der Leica vor 100 Jahren. Zu recht? Definitiv. Diese Kleinbildkamera hat den Blick auf die Welt verändert. Für immer. Wie jedoch kann ein kleiner, schwarzlackierter Apparat solch‘ superlative Wirkung entfalten? Das Taschenformat, das Hochleistungsobjektiv, die leise Mechnik und kurze Verschlusszeiten ermöglichten den Fotografen bis dahin völlig neue Einsatzmöglichkeiten, extreme Perspektiven und ungewöhnliche Spontaneität. Durch die Verwendung von Filmrollen wurde das Fotografieren seriell, preisgünstig und für jeden zugänglich. Diese Schnelligkeit, Freiheit und Leichtigkeit inspirieren Fotografen in ihrer Arbeitsweise und bedienen die Bedürfnisse einer beschleunigten Zeit. Die Miniaturisierung ist Auslöser für eine gewaltige Bilderflut, eine immense Lust am Experiment und eine umfassende visuelle Erkundung der Wirklichkeit durch Amateure, Künstler und Fotojournalisten. So wird die Leica-Kamera zum Gradmesser von Aufbruch, Tempo und Neuerung und ist längst  Mythos – bis heute im digitalen Zeitalter.Erstmals verdeutlicht die Ausstellung aus kunst- und kulturgeschichtlicher Perspektive, wie sich durch die Leica beziehungsweise das Kleinbild das fotografische Sehen im 20. Jahrhundert verändert hat. Mehr als 300 Fotografien sowie Zeitschriften und bedeutende Fotobücher belegen die unterschiedlichen Aspekte einer sich ab Mitte der 1920er Jahre abzeichnenden Leica-Fotografie. Die Ausstellung ist somit auch eine Stilgeschichte des Mediums von der Moderne bis zur postmodernen Vielfalt der Gegenwart, vom Neuen Sehen über die „Photographie humaniste“ bis zu Modeaufnahmen, von der subjektiven Fotografie über die Autorenfotografie bis zur Street Photography und künstlerischen Fotografie.
In der Ausstellung präsentiert C/O Berlin Arbeiten von international renommierten Leica-Fotografen wie Alexander Rodtschenko, Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Oskar Barnack, Christer Strömholm, Robert Frank, Bruce Davidson, William Klein, F.C. Gundlach, Fred Herzog, Barbara Klemm, Robert Lebeck, William Eggleston, René Burri, Thomas Hoepker, Bruce Gilden und vielen weiteren.
Das erste Modell der Leica, deren Markenname sich aus dem Unternehmen Leitz und Camera zusammensetzt, wurde im März 1914 vom Feinmechaniker und Hobbyfotografen Oskar Barnack entwickelt. Ihm gelang es, Bildmotive auf einem 35-Millimeter-Kinofilm zu bannen. Er wandte einen simplen Trick an – in der Leica-Kamera bewegt sich der Film horizontal, während in den gebräuchlichen Kinokameras der Film senkrecht geführt wurde. Auf diese Weise vergrößerte Oscar Barnack das Negativformat auf 24 mal 36 Millimeter. Bedingt durch den ersten Weltkrieg konnte der Unternehmer Ernst Leitz II die serielle Produktion und Markteinführung der Kamera erst 1925 realisieren.